Heute war ich in der unerfreulichen Situation, einem Menschen, der meine Hilfe gar nicht wollte, leider aufzwingen zu müssen.
Auf dem Weg von der Arbeit zum Bahnhof habe ich einen jungen Mann gesehen, den ich bereits aus der Notfallambulanz kenne. Dieser hatte seinen rechten Unterarm auf ganzer Länge mit einer zerschlagenen Bierflasche bearbeitet. Es blutete zwar, aber glücklicherweise war keine Arterie verletzt.
Ich habe ihn daraufhin angesprochen und ihm vorgeschlagen, sich doch in der Ambulanz vorzustellen.
Nun weiß ich auch, dass dieser Mensch eine Borderlinestörung hat und Polytoxomane ist. Demenstprechend hat er auch auf meinen Vorschlag reagiert: es nämlich vehement abgelehnt. Ich konnt ihn beim besten Willen nicht überzeugen.
Ich habe mich dann entschlossen, den Rettungsdienst zu informieren. Als der Verletzte sah, dass ich meine Handy raushole, ist er zu mir gekommen, und mir gesagt, ich solle bloß nicht “die Bullen oder die Feuerwehr” rufen. Da ich wusste, dass er auch schon mal sehr agressiv reagieren kann, bin ich in den Bahnhof gegangen, um von dort aus zu telefonieren.
Kurz darauf, ich wartete noch auf meinen Zug, kamen ein paar Polizeibeamte und ein Rettungssanitäter, den ich kenne, auf den Bahnsteig. Offensichtlich auf der Suche nach unserem gemeinsamen Bekannten. Der hatte inzwischen das Weite gesucht, da selbst- oder fremgefährdendes Verhalten auch durchaus schonmal einen kleinen Psychiatrieaufenthalt nach sich ziehen kann, was ihm aus eigener Erfahrung sehr wohl bewusst ist.
In einem Forum ist schonmal dikutiert worden, ob Menschen, die an ihrer Situation selbst schuld sind, auch geholfen werden muss. Und es geht nur um den moralischen Aspekt, nicht um den rechtlichen.
Ich hab mir dazu mal ein paar Gedanken gemacht:
1. Der Mensch ist verletzt. Auch wenn er sich diese Verletzungen selbst zugeführt hat, befindet er sich damit in einer akuten Notsituation, in der ihm geholfen werden muss.
2. Er ist Borderliner. Damit ist er krank, und ein Kranker kann häufig nichts für seine Krankheit, wie in diesem Fall auch. Selbstverletzungen und Abhängigkeiten sind häufig direkte Symptome bei einer Bordelinestörung.
3. Er ist abhängig. Häufig wird angeführt, dass Abhängige ja selbst schuld sind an ihrem Dilemma. Erstmal werden hier jegliche Erkenntnisse aus der Suchtforschung ignoriert und zweitens Ursache und Wirkung verwechselt. Die Sucht ist i.d.R. Ausdruck einer Krankheit oder die Folge von Erlebnissen, an denen der Süchtige keine Schuld trägt.
4. Er hat die Hilfe abgelehnt. Und hier wirds schwierig. Habe ich das Recht, jemandem zu helfen, der jede Hilfe ablehnt? Das ist eine Frage, die sich auch bei jedem Suizidversuch stellt. Rechtlich ist die Situation eindeutig: helfe ich nicht, mache ich mich strafbar. Aber hier ist die Situation ja etwas vertrackter. Die Verletzungen waren m.E. nicht so gefährlich, als dass sie eine lebensbedrohende Situation geschaffen hätten. Allerdings hat sich in diesem Fall eine polytoxomaner Borderliner selbst verletzt. Es ist höchst wahrscheinlich so, dass dieser Akt der Autoagression Ausdruck seiner Krankheit war. Aber vielleicht hat er ja trotzdem ein Recht darauf, sich selber zu verletzen?
Wie bereits eingangs beschrieben, habe ich mich dafür entschieden, ihm zu helfen. Auch gegen seinen Willen. Einfach weil ich glaube, dass dieser Mensch nicht selber entscheiden kann, was für ihn gut ist und was nicht. Nicht weil ich moralisch, ethisch oder sonstwie über ihm stehe, sondern weil er krank ist.
Nachdenklich hats mich trotzdem gemacht.
Ich finde es trotzdem nicht ok, dass Du Dir einfach das Recht nimmst die Polizei und Krankenwagen zu verständigen. Er hatte Dir doch eindeutig gesagt: Ruf nicht die Polizei oder Feuerwehr.
Man sollte besser denen Menschen helfen, die auch wirklich Hilfe annehmen, und nicht denen, die diese strikt ablehnen. Bestimmt (mit Sicherheit) haben schon viele andere versucht ihm zu helfen, und es hat ja auch nichts gebracht, der Mann will keine Hilfe (sonst hätte er die früher schon angenommen), und auch das sollte man respektieren. Er hat ja niemand anderen Schaden zugefügt, sondern lediglich sich selbst.
Mfg
Wie gesagt: da habe ich mir ja auch Gedanken drüber gemacht, bin aber für mich zu einem anderen Entschluss, einer anderen “Erkenntnis”, wenn du so willst gekommen.
Ich befürworte inzwischen eine Einstellung, nach der ich auch denjenigen helfe, die meine Hilfe nicht unbedingt wollen. Nicht grundsätzlich, nicht bei jedem, aber wenn es um Selbst- oder Fremdgefährdung geht auf jeden Fall. Einfach weil diese Menschen ihre Situation nicht selbständig adäquat einschätzen können.
Und ich bin mir durchaus bewusst, dass ich mir wahrscheinlich den Vorwurf des “Moralpolizisten” machen lassen muss, der sich selbst und seine Werte über die der anderen stellt. Aber das ist ein Grundproblem, was sich in vielerlei Hinsicht auch in unserem Gesundheits- oder Sozialsystem wiederfindet.
Aber ich behaupte einfach mal, dass es Menschen gibt, die nicht für sich selbst sorgen können, also müssen “wir” das machen.
Moralisch strittig, aber spannendes Thema ;-)
Gruß
Philipp
Mann sollte selbst diesen Menschen Hilfe leisten, ob sie wollen oder nicht. Denn Sie wissen aufgrund Ihrer Krankheit gar nicht was sie sich antun.
Und im Endeffekt ist es auch nur ein unbewusster verzweifelter Schrei nach Hilfe…
(Eigenerfahrung)
Herr vergib (uns) Ihnen, denn Sie wissen nicht was (wir) Sie tun…